Rettungsschirm

Der Rettungsschirm gehört zur Standardausrüstung eines Gleitschirmfliegers. Er kann in Notsituationen lebensrettend sein.

Einsatz
Das Rettungssystem wird dann ausgelöst, wenn die Situation je nach Höhe über kürzere oder längere Zeit als unkontrollierbar erscheint. In erster Linie gilt dies für Zusammenstösse zwischen Hängegleitern. Diese stellen die grösste Gefahr in der Luft dar und erfordern das sofortige Werfen des Notschirms. Dessen Einsatz ist ebenso angezeigt, wenn die Leinen infolge einer Vrille aufgetwistet sind und der Gleitschirm selbständig in eine Spirale übergeht (Autorotation; kann auch infolge eines massiven Einklappers und anschliessendem Tuchverhänger vorkommen  Krawatte).

Systeme
Am weitesten verbreitet sind Rundkappen-Notschirme, weil sie bis heute für den normalen Einsatz im Gleitschirmsport die zweckmässigste Lösung darstellen. Sie sind sowohl bezüglich Montage und Bedienung wie auch in der Wartung weniger aufwändig als andere Systeme. Rogallo-Notschirme haben aufgrund einer asymmetrischen Bauweise gegenüber den konventionellen Rundkappen den Vorteil, dass sie gleit- und steuerfähig sind. Wenig über Grund gezogen, stellt die Vorwärtsfahrt infolge fehlender Zeit zum gezielten Steuern der Kappe allerdings ein zusätzliches Gefahrenpotenzial dar. Cut-Away-Systeme sind wegen ihrer grossen Auslösehöhe von mind. 100 m über Grund weniger geeignet.

Bauart / Auslösung
Die am häufigsten verwendeten Modelle sind Mittelleinen-Rundkappenschirme. Durch eine oder mehrere Leinen wird der Kappenscheitelpunkt nach unten gezogen. Diese Konstruktionsweise hat gegenüber Rundkappen konventioneller Bauart den Vorteil einer geringeren Sinkgeschwindigkeit, gepaart allerdings mit einer etwas schlechteren Pendelstabilität. Unabhängig von ihrer Bauart sind Notschirme komprimiert nach einem genauen Schema im Innencontainer verpackt. Dieser Wurfcontainer schützt die Leinen vor dem Verfangen und wird beim Öffnen des Notschirms als Ganzes seitlich weggeschleudert (Griff des Innencontainers loslassen!). Unter dem Zug der Leinen öffnet sich die Reserve kontinuierlich.

ffnungszeit
Wegen den oftmals sehr niedrigen Flughöhen ist – neben der Zuverlässigkeit – die schnelle Öffnung des Rettungsgerätes das wichtigste Kriterium. Die reine Öffnungszeit moderner Notschirme liegt bei ca. 1 sec. Alles in allem muss man jedoch beispielsweise beim Wurf des Rettungsgerätes aus einer Autorotation heraus ca. 4 Sekunden rechnen, die zwischen dem Entschluss, den Notschirm zu werfen und dem Einsetzen der Bremswirkung desselben vergehen. Es gibt einige Faktoren, welche die Öffnungszeit beeinflussen. So wirkt sich eine kleine Fläche mit einer hohen Umströmungsgeschwindigkeit ebenso positiv aus wie geringe Porosität des Gewebes. Auch kurze Packintervalle beeinflussen die Öffnungszeit günstig.

Materialien
An Notschirme werden hohe Anforderungen bezüglich Festigkeit gestellt. Anders als bei den Gleitschirmen darf das Material aber eine gewisse Elastizität aufweisen. Im Notschirmbau werden dieselben Materialien verwendet wie für Gleitschirme: Nylon für die Kappe, Polyester oder Polyamid für die Leinen. Diesen setzen Feuchtigkeit und UV-Strahlen am meisten zu. Nach einer Wasserlandung sollte ein Rettungsgerät mindestens 72 Stunden zum Trocknen aufgehängt werden, weil vor allem die Leinen dafür sehr lange brauchen.

Grösse
Notschirme sollten weder zu gross noch zu klein gewählt werden. Mit einem offenen Rettungsschirm sollte die Sinkgeschwindigkeit 5,5 m/sec nicht überschreiten. Dieselbe Sinkgeschwindigkeit erreicht man auch beim Sprung von einer ca. 1,6 m hohen Mauer. Höhere Fallgeschwindigkeiten beinhalten ein erhöhtes Verletzungsrisiko bei der Landung. In diesem Zusammenhang muss auf die grosse Bedeutung der Pendelstabilität hingewiesen werden. Pendel können die Fallgeschwindigkeit um bis zu 4 m/sec erhöhen, was im ungünstigsten Fall zu Sinkgeschwindigkeiten von ca. 9 m/sec führen kann. Deshalb wird mit konstruktiven Massnahmen wie profilierten, weit herunter gezogenen Seitenwänden versucht, Pendelbewegungen des Notschirms möglichst vollständig zu unterdrücken.

Befestigung
Eine aufrechte Körperhaltung trägt wesentlich dazu bei, das Verletzungsrisiko bei Landungen mit dem Notschirm gering zu halten. Die Traggurte des Notschirms bzw. deren Verlängerung sollte deshalb symmetrisch und in Schulterhöhe (keinesfalls an den Aufhängepunkten!) am Gurtzeug befestigt sein. Aktiv kann der Pilot durch Lockerheit, zusammen gepresste Beine und Arme am Körper unsanfte Landungen weiter entschärfen.
Platzierung am Gurtzeug: Dabei ist vor allem darauf zu achten, dass der Auslösegriff gut erreichbar ist.

Packen
Auch bei Nichtgebrauch sind Notschirme Feuchtigkeits- und Temperaturschwankungen ausgesetzt. Als Folge davon kann das feine Kappenmaterial mit der Zeit verkleben, wodurch die Öffnung verzögert, im Extremfall sogar verhindert wird. Deshalb ist regelmässiges Lüften und Neupacken des Notschirms in etwa halbjährlichen Intervallen (Empfehlung SHV 4 Monate) sinnvoll. Der Rettungsschirm kann von jeder fachkundigen Person neu gefaltet werden. Es ist jedoch empfehlenswert, den Notschirm von einem ausgebildeten Fallschirmwart packen zu lassen.